Ironhammer Festival 2020

12.09.2020
JUZ Live Club
Andernach

verfasst von Henry G.

Ein Metal-Festival mitten in der Virus-Epidemie? Das klingt unwahrscheinlich – und tatsächlich dürften viele der Glücklichen, die ein Ticket für das ausverkaufte Ironhammer-Festival 2020 ergattert haben, regelmäßig und bis kurz vor Beginn überprüft haben, ob es nicht doch inzwischen, wie fast alle anderen Konzerte, abgesagt oder verschoben worden ist. Aber nein, das Festival fand tatsächlich zum geplanten Termin in Andernach statt, auch wenn die ursprünglich geplanten Übersee-Bands Jag Panzer und Night Demon nicht nach Europa kommen konnten. Mit den jederzeit grandiosen Bier-Fanatikern Tankard konnte man allerdings einen einheimischen Ersatz als Headliner aufbieten, der immer für eine geballte Ladung Thrash Metal-Power gut ist.

Die Anreise zum JUZ gestaltete sich einigermaßen langwierig; man könnte leicht das Gefühl bekommen in NRW gibt es längst mehr Autobahnkilometer mit Baustelle als ohne. Der eine oder andere Stau gehörte dann auch noch dazu, so dass Lord Vigo längst am Spielen waren, als der Vorplatz des JUZ erreicht werden konnte. Die Corona-Maßnahmen vor Ort gestalteten sich äußerst streng: Obwohl es eine Open-Air-Veranstaltung war, herrschte strenge Maskenpflicht beim Rumlaufen, ein stehendes Verweilen im Bereich vor der Bühne war nicht gestattet, man sollte sich stattdessen auf die zahlreichen Bierbänke begeben, wo man dann sitzend mal die Maske abnehmen durfte. Wer lieber stehen wollte, sollte dies fernab des Geschehens im hinteren Teil des Geländes, an einer Reihe von Stehtischen. Dass bei so viel Strenge nicht direkt eine entspannte Festivalstimmung aufkommt, war abzusehen, aber es war nun mal der einzige Weg, das Festival überhaupt stattfinden zu lassen.

Was soll‘s, also den Bierhintern auf eine ebensolche Bank verpflanzt und den doomigen Lord Vigo gelauscht. Trotz der nachmittäglichen Spätsommerhitze von etwa 28 Grad wagte sich Frontmann Patrick Palm mit langem Ledermantel auf die Bühne. Um dem entspannt lauschenden Publikum ein wenig einzuheizen, brachten die Rheinland-Pfälzer außer ihrer Musik noch kleine Pyrofontänen mit. Der progressiv-doomig groovende Metal von Lord Vigo bot mit Songs wie At the Verge of Time und Eternal Saviour den perfekten Einstieg nach sechs Monaten konzertloser Zeit, an diesem Abend wieder einmal die Ohren mit herrlicher Live-Mucke zu verwöhnen.

Nach der ersten Umbaupause folgten Sweeping Death aus dem Risiko-Bundesland Bayern. Das Quartett brachte eine stilistische Vielfältigkeit auf die Ironhammer-Bühne, die in dieser Mischung einzigartig ist. Thrash Metal, Occult-Rock, Death Metal und Prog Metal sind nur einige der Einflüsse, die die Bajuwaren in ihrer Musik abbilden. Sie zeigten sich ebenso begeistert, nach langer Zeit wieder mal spielen zu können, wie die Zuschauer, die sitzenderweise nicht viel mehr machen konnten, als lautstark zu applaudieren. Auf Aufforderung des Sängers ertönten immerhin mal ein paar Anfeuerungsrufe, aber ansonsten wähnte man sich eher in einem Biergarten mit Begleitprogramm als bei einem Festival, wo die Musik im Vordergrund steht. Sweeping Death spielten unter anderem den Titeltrack ihrer ersten EP Astoria und einige Songs ihrer letzten Platte In Lucid, wie das epische Suicide Of A Chiromantist, Blues Funeral und Horror Infernal. Im Rahmen des Gigs blieb sogar Zeit für ein Instrumental mit – allerdings eingespielten – Keyboardpassagen. Insgesamt ein erinnerungswürdiger knapp dreiviertelstündiger Auftritt einer interessanten Truppe, von der man noch Einiges hören wird.

Schon öfter gehört und gesehen hat man die Hard Rocker von Tyler Leads – unvergessen ihr letztjähriger Auftritt auf dem Rock Hard Festival um die Mittagszeit. In Andernach hatten sie es nun mit tiefstehender Abendsonne und deutlich kleinerem Publikum zu tun bekommen. Tatsächlich konnten die Recklinghausener hier nun doch noch ihr erstes Konzert in 2020 bestreiten! Der High-Energy-Hard Rock von Tyler Leads mit Songs wie Call Of The Wild und Heavy Eyes zündete vor dem sitzenden Publikum denkbar schlecht – es war so gut wie gar keine Stimmung vor der Bühne. Dann hatten die Jungs auch noch Pech mit dem Sound, als eine Zeitlang nur Schlagzeug und Bass zu hören waren. Sie spielten dennoch fröhlich ihre Setlist runter, freuten sich auf die Aussicht, eines gepflegten Betrinkens am Abend mit den Zuschauern und konnten am Ende wahrheitsgemäß behaupten, in Andernach für ihr bisher bestes Publikum in diesem Jahr gespielt zu haben. Wenn das nichts ist.

Wer zwischenzeitlich was Essen wollte, für den stand ein Pommes- und Wurstwagen bereit, Kenner gehen aber ohnehin seit Jahren in die schräg gegenüber benachbarte Pizzeria.

Mit einsetzender Dämmerung standen im Anschluss Stormzone aus dem nordirischen Belfast als einzige internationale Band des diesjährigen Festivals auf der JUZ-Bühne. Die 2004 gegründete Heavy Metal-Truppe hat diesen Sommer gerade ihr siebtes Album rausgebracht und startete mit einigen sehr eingängigen Stücken wie Immortals und Another Rainy Night in den Abend. Ein Teil der Bänke blieb leer und mehr und mehr Zuschauer hielt es nicht auf diesen, einige standen auch zwischen den Bankreihen. Nach dem Titeltrack der aktuellsten Scheibe, Ignite The Machine, wurde dem Empire Of Fear gehuldigt. Der frische Heavy Metal der Briten machte jede Menge Spaß und zum ersten Mal an dem Abend kam wirklich eine gelöste Stimmung auf vor der Bühne. Der Metal war nun wirklich zurück am Mittelrhein! Zu The Pass Loning konnte man ein wenig mitsingen und die Mucke lud immer wieder zu Anfeuerungsrufen ein. Die Musiker fühlten sich mit einsetzender Dunkelheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnten mit Cushy Glen gleich noch einen Partysong beisteuern. Darüber hinaus konnten außer den Soundleuten nun endlich auch die Lichttechniker unter Beweis stellen, dass sie in der arbeitsfreien Zeit nicht das Geringste verlernt haben. Gegen Ende ihres über einstündigen Auftritts präsentierten Stormzone noch ein etwas nach deutschem Heavy Metal, genauer gesagt Helloween, klingendes Stück, You’re Not The Same, bevor Death Dealer den umjubelten Gig krönend abschloss. Was für eine Show, die Band alleine hat die Anreise schon gelohnt!

Aber es ging noch weiter und zwar nicht nur deutlich schneller, härter und thrashiger – Pyracanda hatten im Anschluss außerdem einen noch mal lauteren und fetzigeren Sound verpasst bekommen. Die seit letztem Jahr reaktivierte Speed Metal-Truppe aus dem nahen Koblenz lockte einige Headbanger auf die Beine, die meisten Besucher verteilten sich aber auf dem, gemessen an der Besucherzahl, weitläufigen Gelände beziehungsweise auf den Bänken neben dem JUZ. Die Ende der 80er Jahre gegründete Band hat Anfang der 90er zwei Alben rausgebracht, deren Repertoire zu der 55-minüten Show zusammengestellt wurde. Der Opener Challenge Cup gab die Marschrichtung vor, weitere Titel wie Democratic Terror, The Dragon’s Cult und Rigor Mortis ließen den sprichwörtlichen Eisenhammer auf das Publikum einschlagen. Ein weiteres Intro läutete The Abyss, den Opener der zweiten Pyracanda-Platte ein, bevor ein weiteres Mal die Matten flogen. Natürlich gab es keinen Moshpit, das wäre sowieso nicht im Sinne der strengen Corona-Regeln gewesen. Top Gun vom Erstlingswerk beendete schließlich den großartigen Abriss der Koblenzer Speed Metaller. Wer jetzt nicht warm war für den Headliner, dem war nicht mehr zu helfen. Mal sehen, wann Pyracanda auch mal neues Material spielen werden.

Das Programm hatte sich insgesamt etwas nach hinten verschoben, so dass Tankard knapp 20 Minuten nach geplanter Zeit die Bühne enterten. Mit dem Rectifier eröffneten die Frankfurter Bierhelden ihren Headlinerauftritt. Spätestens mit dem folgenden Morning After versammelten sich dann doch zu viele Fans stehenderweise partymachend und ohne ausreichend Abstand vor der Bühne – was Veranstalter Jan bewog, das Konzert zu unterbrechen und auf die Einhaltung der Regeln zu pochen. Eine Strafe ans Ordnungsamt zahlen wollte schließlich niemand an dem Abend. Es drohte sogar der Abbruch der Show. Was war geschehen? Wie andernorts auch, machte sich hier ebenfalls der bei vielen gestiegene Alkoholpegel bemerkbar, was sich in der einen oder anderen Nachlässigkeit manifestierte. Fortan herrschte also wieder strenge Platz- und Sitzpflicht auf den Bierzeltgarnituren – und manch einer, der sich nicht dran hielt, wurde gar des Festivals verwiesen.

Wie zu erwarten, war die Stimmung während der folgenden Nummern wie Rapid Fire und Acid Death erstmal gedämpft, Tankard zockten ihre Mucke aber gewohnt spielfreudig runter und konnten das Publikum dann trotz allem erneut von sich begeistern und zu lautstarkem Jubel bewegen. Gerre erzählte, viele würden Tankard nicht ernst genug nehmen, dabei machten sie doch auch ernste Stücke, zum Beispiel übers Sterben, wie Die With A Beer In Your Hand. Rules For Fools folgte und weitere Highlights auf der Setlist waren One Foot in The Grave, Chemical Invasion und A Girl Called Cerveza. Zwischenzeitlich fand Gerre sogar seinen potenziellen Nachfolger im Publikum, der ohrenscheinlich recht gut singen konnte und genauso häßlich wie er selbst sei. Glückwunsch dazu.

Selten hört man Coversongs auf Tankard-Konzerten, auf dem Ironhammer gab es sogar das: We’re Coming Back von Cock Sparrer zeigte eine ungewohnt punkige Seite der Frankfurter Thrash Metal-Legende. Wie immer bei Tankard wurde auch auf dem Ironhammer Freibier für alle eingefordert – wie immer auch hier vergebens.

Da sich die Zuschauer weiter mehrheitlich an die Regeln hielten, konnten noch Zugaben gespielt werden. R.I.B. (Rest in Beer) von 2014 wird wohl langfristig zu einer Tankard-Show dazugehören, genauso wie Empty Tankard als krönender Abschluss gegen 23.45 Uhr. Die Frankfurter sind eben immer ein Bank für grandiosen Thrash Metal, selbst unter schwierigsten Konzertbedingungen und sogar mit ihrem Aushilfsdrumer von Holy Moses, Klasse Leistung.

Endlich mal wieder echter Live-Metal – Stromgitarre, Schlagzeug und richtig guter, knalliger Sound! Das kann schließlich kein Livestream und kein Autokino bieten! Diese Freude und Erleichterung war vielen Festivalbesuchern auf dem diesjährigen Ironhammer anzusehen. Ein halbes Jahr ohne jegliche Möglichkeit eines Konzertes war definitiv zu lang. Auch wenn es deutlich anders als früher war, konnte das Ironhammer 2020 doch die erhoffte Erlösung durch Beendigung des tristen, komplett konzertlosen Sommers bieten.

Bleibt zu hoffen, dass das Ironhammer Festival 2021 wieder unter normaleren Bedingungen stattfinden kann. Den Ansatz, ein Open Air daraus zu machen, sollte man aber auf jeden Fall beibehalten: Draußen ist es doch wesentlich angenehmer, als in der stickigen Halle, zumal bei sommerlichen Temperaturen. Das nächste Mal soll der Hammer am 11.09.2021 fallen; aber wer weiß schon, was bis dahin wieder ist.

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