Grey Daze – Amends

verfasst von Tim O.

Als ich am 20. Juli 2017 die Nachricht erhalten habe, dass sich Chester Bennington das Leben genommen hat ging wohl nicht nur für mich die Welt ein Stück weit unter. Linkin Park gehörten unbestreitbar zu den ganz großen bands der 2000er Jahre und haben wie kaum eine andere Band den Weg für junge Menschen in den härteren Rock geebnet. Es war vor allem diese unglaubliche Energie und Ausstrahlung von Chester, weswegen sich Millionen von Menschen auch heute noch von Linkin Park begeistern lassen können. Ähnlich wie auch Kurt Cobain in den frühen 90ern Jahren, hat Chester einer ganzen Generation von Teenagern, die in der Schule oder der Familie durch schwierige Zeiten gegangen sind, eine Stimme und ein Ventil verliehen. Mit seinen Songs gibt er auch heute noch vielen Menschen die Kraft, um ihre Krisen zu bewältigen. Doch leider war der Kampf gegen die inneren Dämonen, gegen die er immer angesungen hat, wohl zu schwer.

Doch Chester war nicht nur bei Linkin Park aktiv. Noch bevor er 1999 zu diesen wechselte, übernahm er den Gesang für die Post-Grunge Band Grey Daze. Diese hatten sich 1998 formal aufgelöst, es war aber eine Reunion mit für Ende 2017 geplant. Durch seinen plötzlichen Selbstmord konnte diese allerdings nicht wie geplant stattfinden. Das vorliegende Album enthält neu eingespielte, ältere Songs, bei denen lediglich der originale Gesang von Chester beibehalten wurde. Aus diesem Grund klingen die Aufnahmen seiner Stimme auch etwas blasser als die Instrumente.

Und schon bei den ersten Klängen kommt Gänsehaut auf. Drei Jahre nach seinem Tod hört man die ersten neuen Klänge von Chester und fühlt sich automatisch wieder in seine Jugend versetzt. Und angesichts seines Selbstmordes möchte man bei „Sickness“ einfach nur weinen. „I need more / Can you help me / Feed my soul? / Come and kill me / It’s calling, calling, calling, calling me“ etwa heißt es dort und führt einem abermals vor Augen wie absehbar seine Absichten eigentlich gewesen sein müssten. Das gleiche gilt auch für „Sometimes“, bei dem einen Chesters unverkennbar raue Stimme das Mark in den Knochen gefrieren lässt.

Dieses unheimliche Gefühl zieht sich auch über das ganze Album. Sei es bei „The Syndrome“, dem souligen „In Time“ oder dem überragendem „B12“ (bei dem Chester sogar seine Rap Künste beweist) – über allem schwebt diese Melancholie des Verlusts. Es macht einen vor allem auch traurig, weil hier (anders als bei Linkin Park) Chester auf den immer wieder vielseitigen Songs seine starke stimmliche Ambivalenz unter Beweis gestellt hat. Sei es Soul, moderner Pop, Rap oder einfach knarziger Rock – es gab wohl nichts, dass er nicht singen konnte. Und hier wird einem erst recht bewusst, was für eine Stimmgewalt wir vor drei Jahren verloren haben. Ein Highlight unter vielen ist dann „Soul Song“, bei dem auch Chesters Sohn Jaime mitgewirkt hat. Von all den Songs auf diesem Album wird „Soul Song“ noch über Jahre hinweg ein Monument für Chester sein. Taschentücherzeit garantiert.

Fazit
Man, was hätte das für ein großes Album werden können, wäre Chester noch am Leben. Wie großartig wäre es gewesen, diese Songs Live hautnah zu erleben und Chester intimer und nahbarer zu erleben. Doch leider wird dies niemals der Fall sein. Und das macht dieses Album zu einem monolithischen Monument für diesen einzigartigen Musiker, der es auch posthum mit diesen Songs schafft, einen 20 Jahre zurückzuversetzen. Grey Daze beweisen mit diesem Album aber auch, dass sie vielleicht ebenfalls zu den ganz großen hätten gehören können, wäre Chester nicht zu Linkin Park gewechselt. Die Songs wechseln zwischen modernem Rock und Pop, ohne (wie bei „One More Light“) in unnötigen Kitsch überzugehen.

„Amends“ ist natürlich in erster Linie ein Tribut für ihren verstorbenen Sänger, wirkt aber auch (wenn man sich mal von dem ganzen Hintergrund löst) wie ein eigenständiges, bärenstarkes Machwerk und hätte (hätte es LP nicht gegeben) auch zu einem modernen Klassiker avancieren können. Damit ist dieses Album selbstredend Pflicht für jeden Linkin Park und Chester Bennington Fan, aber auch Freunde des modernen Rocks werden hier sehr glücklich werden. Und nun brauche ich eine Großladung Taschentücher.

Tracklist

  1. Sickness
  2. Sometimes
  3. What’s in the Eye
  4. The Syndrome
  5. In Time
  6. Just like Heroin
  7. B12
  8. Soul Song
  9. Morei Sky
  10. She Shine
  11. Shouting out

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