In Extremo – Kompass zur Sonne

verfasst von Tim Otterbeck

Sie sind die größten Vaganten, die ihr Glück in der Hölle fanden. Seit nunmehr 25 Lenzen sind sie im ganzen Lande bekannt und von allen In Extremo genannt. Von manchen angespiehn, von vielen verehrt sind sie mittlerweile eine der größten deutschsprachigen Rockbands Deutschlands und jeder der die 7 einmal live erleben durfte weiß, dass sie auch nach 25 Jahren auf den Brettern dieses Landes noch keinen Funken Müdigkeit aufweisen. Ganz im Gegenteil. Noch immer lodert in ihnen ein großes Feuer, dass sie bei jedem Konzert mit viel Eifer entzünden. Auch musikalisch sind In Extremo nie stehengeblieben oder haben sich dem Druck ihres Erfolges ergeben (okay, ja…Sterneneisen hatte da so seine Momente…). Nach einem sehr starken „Quid pro Quo“ aus dem Jahre 2016 (ist das schon wieder vier Jahre her?) veröffentlichen die Jungs nun ihr ersehntes 12. Studioalbum „Kompass zur Sonne“.

Und auf diesem gehen sie keine Kompromisse ein. „Troja“ ist In Ex par Excellence: rockig, einprägsam und voller Adrenalin und verdammt, diese Dudelsäcke gehen ins Ohr! Mitgröhlfaktor 100. Und so geht es auch mit dem Titeltrack weiter. „Kompass zur Sonne“ wird wahrscheinlich Fans von Songs wie „Erdbeermund“ gut ins Ohr gehen. „Lügenpack“ ist ein erstes deutliches Highlight des Albums. Und gleichzeitig auch eines der härteren Stücke, was vor allem auch an der politischen Botschaft dahinter liegt (Sie greifen dort Faktenverweigerer und „Lügenpresse“-Schreier an). Aber keine Angst, In Extremo wandeln nun nicht auf den Pfaden von Saltatio Mortis. Textlich ist ein klassischer In Ex Song, der wahrscheinlich auch live für viel Moshpit und Gegröl sorgen wird. Könnte glatt ein neues „Frei zu sein“ werden. Nach dem schweren Thema geht es dann auf „Gogiya“ deutlich beschwingter zu. Kein Wunder, ist der Song mit den österreichischen Polka-Ska-Rockern von Russkaja entstanden. Der Polkabeat erinnert ein wenig an die Humppa-Metaller von Korpiklaani und geht verdammt gut ins Bein. Hier kommt wahrscheinlich jeder zum Tanzen. Ein weiterer Song, der für jede kommende Setlist gesetzt sein sollte. Auf „Salva Nos“ beschenken In Extremo dann alle Fans der älteren Alben, auf denen sie noch stärker mittelalterliche Werke verarbeitet haben. Im Original heißt der Titel „Salva nos, stella maris“ und wird auf 1250 datiert. Im Ursprung als wunderschönen Choral konzipiert, haben es In Extremo hervorragend geschafft, diesen in einen stimmungsvollen und druckvollen Rock Song mit Ohrwurmcharakter zu verwandeln. Auch hier winkt die Setlist.

Genauso wie bei „Schenk nochmal ein“, welches wesentlich melancholischer daherkommt. Ein perfekter Song für das Ende eines geilen Liveabends, bei dem sich alle verschwitzt in den Armen liegen werden. Mit „Saigon und Bagdad“ wird es dann ernst. Bitterernst. In Extremo zeigen sich hier von ihrer ungewöhnlichsten Weise. Inhaltlich ist es ein Antikriegslied, dass sich vor allem gegen moderne Kriegstreiber und -befürworter anprangert. Trotz des eingängigen Refrains, vielleicht einer der (bei ersten Hörgängen) weniger zugänglichen Stücke auf dem Album, aber ein Song von großer Relevanz (hier hoffe ich auf eine Singleauskopplung mit starkem Video). Das düster angehauchte „Narrenschiff“ kann glatt als indirekte Fortsetzung von „Lügenpack“ und „Saigon und Bagdad“ gedeutet werden. „Narrenschiff“ kommt deutlich gitarrenlastiger daher, büßt aber an Eingängigkeit ein. Vielleicht der schwächste Song des Albums (auch wenn es ein guter Song ist). Erst in der zweiten Hälfte fährt der Song dann nochmal großartig auf: Stampfende Füße und Schalmeien begleiten einen schwungvollen Seemannschoral, der besonders live richtig gut zur Geltung kommen wird (hier merkt man wahrscheinlich die langjährige Freundschaft zu den Herren von Santiano). Das folgende „Wer kann segeln ohne Wind“ ist ein mitreißendes, aber ruhiges Stück, bei dem sie sich gesangliche Unterstützung von Amon Amarth Berserker Johan Hegg geholt haben. Das ist klanglich genauso ungewöhnlich, wie es klingt. Die gegrunzten Gesangspassagen fallen allerdings sehr gering aus, wodurch man sich nicht allzu sehr von der wirklich schönen Melodie abgelenkt wird.

So, nach all der Schwere und Melancholie wollen wir aber wieder tanzen und frohlocken. Und das wird mit „Reiht euch ein ihr Lumpen“ perfekt geboten. Es erinnert schon fast an einen biergeschwängerten, irischen Folk Punk Song (Setlist anyone?). Und schwungvoll geht es (wie kann es bei dem Titel auch anders sein) weiter. „Biersegen“ ist (wie auch „Salve Nos“) komplett auf Latein gehalten, was aber dem Hörgenuss keinen Abbruch tut. Prost! Damit man nach 11 reinen Rock/Metal Songs auch mal etwas runter kommen kann, haben In Extremo die alte schwedische Melodie „Varvindar friska“ neu interpretiert und dabei das Gedicht gleichnamige Gedicht von Otto Ernst als Songtext verwendet (falls ihr „Varvindar friska“ mal in einer schönen und originaltreuen Version hören wollt, verweise ich euch das Falconer Klassikeralbum „Northwind“). Herausgekommen ist dabei ein wunderschöner Song, bei dem man wahrlich Gänsehaut bekommt.

Fazit
In Extremo haben es geschafft: „Mit Kompass zur Sonne“ ist den sieben Vagabunden ein wirklich hervorragendes Album gelungen. „Quid pro Quo“ hat schon zuvor gezeigt, dass In Extremo wieder auf den Weg zu alter Stärke zu sein scheinen und dort sind sie nun endgültig angekommen. Hier ist ein jeder Song für die zukünftigen Setlists geeignet. Das Album ist zudem besonders ausgewogen. Hier findet Jeder Songs zum Liebhaben. Liebhaber von Tiefgang werden sich mit „Saigon und Bagdad“, „Salva Nos“, „Wer kann segeln ohne Wind“ oder „Wintermärchen“ anfreunden können, während Fans von feuchtfröhlichen Spaßsongs mit „Lügenpack“, „Reiht euch ein ihr Lumpen“, „Troja“ oder „Gogiya“ definitiv ihren Spaß haben werden.

Auch die Gastparts sind clever gewählt: Russkaja und Amon Amarth gehören zu den Bands, mit den sich In Extremo wahrscheinlich die meisten Festivalbühnen teilen werden. Alles in allem ist „Kompass zur Sonne“ endlich wieder In Extremo in Bestform und ein Album, das auch nach der x-ten Rotation nicht langweilig wird. Fans der alten Zeiten werden vielleicht kritisieren, dass es zu wenig reine Mittelalterstücke gibt. Aber man muss hier auch einfach mal sehen, dass sich nur wenige mittelalterliche Lieder und Gedichte wirklich für moderne Rockmusik eignen und es mittlerweile schon dutzende Bands des Genres gibt, die sich an Neuinterpretationen versucht haben. Dadurch wird es automatisch schwieriger, in diesem Bereich neu und unverbraucht zu klingen. Doch es sollte erwähnt werden, dass auf „Kompass zur Sonne“ der Anteil an mittelalterlichen Instrumenten wieder merklich hochgeschraubt wurde. Auch die Produktion ist hierfür perfekt gelungen. Man hört jede Schalmei oder Rauschpfeife sehr gut heraus. „Kompass zur Sonne“ ist ein Album geworden, dass alten Fans ein breites Grinsen aufsetzen wird und Neulingen einen perfekten Einstieg ermöglicht.

Tracklist

  1. Troja
  2. Kompass zur Sonne
  3. Lügenpack
  4. Gogiya (mit Russkaja)
  5. Salva Nos
  6. Schenk nochmal ein
  7. Saigon und Bagdad
  8. Narrenschiff
  9. Wer kann segeln ohne Wind (mit Johan Hegg)
  10. Reiht euch ein ihr Lumpen
  11. Biersegen
  12. Wintermärchen

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