Tanzwut

Support: Harpyie
20.10.2019
Columbia Theater
Berlin

verfasst von Tim O.

Die Segel sind eingefahren, die Seile fest vertäut und die Planke ist ausgelegt für den Landgang. Tanzwut haben nach langer Seefahrt nun auch am Columbiadamm angelegt und sind bereit uns von ihren Abenteuern zu erzählen. Und das Publikum war nur allzu bereit, ihrem Seemannsgarn zu lauschen. Denn die Tour stand ganz im Zeichen ihres aktuellen Albums Seemannsgarn, das wir auch schon eingehend bewertet haben. Doch bevor Tanzwut zu Land gegangen sind, haben sie erst die Leichtmatrosen von Harpyie vorausgeschickt, um die Lage zu sondieren und die Berliner auf Kapitän Teufel und seine Mannschaft einzustimmen.

Diese begannen ihr Set auch mehr als souverän. Über die Anlage wurde jedes der Bandmitglieder (ähnlich, wie bei einem WWE-Fight) mit viel Pathos angekündigt und die einzelnen Mitglieder traten mit silbrig schimmernden Masken auf, wie man sie z.B. von römischen Helmen kennt. Das noch relativ wenige Publikum nahm Harpyie mit großem Jubel in Empfang. Das aus Ostwestfalen kommende Quintett spielt eine moderne Form des Folk Metals irgendwo zwischen Letzte Instanz, Subway to Sally und Nachtgeschrei, wobei der Fokus hier klar eher bei den E-Gitarren liegt.

Die Geige von Mechthild wird hier zum netten Beiwerk. Harpyie verstehen es, das Publikum immer wieder zum Schunkeln, Klatschen und Mitmachen zu animieren. Das gelingt gerade bei Seemann Ahoi vom neuen Album Aurora sehr eindrucksvoll, als das Publikum mit ihren Händen die tosende See nachahmt. Doch animatorische Finesse ist nicht alles. Leider wirken Harpyie musikalisch wenig innovativ, wodurch sie wohl noch eine Weile als gut zu buchende Vorband durch die Lande ziehen werden.

Nach einer kurzen Pause war es dann soweit und Teufel und seine Mannen von Tanzwut betraten unter frenetischen Jubel die Bühne. Dass Tanzwut schon ausgiebige Bühnenerfahrung haben beweisen sie gleich von Beginn an. Tanzwut wissen, wie sie ihr Publikum in den Bann ziehen können und so begannen sie die Show mit Herrenlos und Frei vom neuen Album: eine Hymne an sich selbst, aber auch an ihre Fans. Und diese stimmten gleich munter mit ein. Man merkt auch, dass Tanzwut einst aus den Königen der Spielleute Corvus Corax hervorgegangen ist. Ähnlich wie auch bei den Kolkraben gibt es keinen Stillstand auf der Bühne. Die Dudelsackformation nimmt immer wieder die Bühne für sich ein, tanzt, hüpft und reigt sich, während sie noch munter spielen. Ganz so, wie man es sich von echten Spielleuten wünscht. Doch nicht nur in dieser Dynamik können Tanzwut überzeugen.

Es ist auch die Bühnenshow, die immer wieder für WOW-Effekte sorgen. Und das ganz ohne pyromanischen Wahnsinn, wie Genregrößen In Extremo, Saltatio Mortis und Subway to Sally. Tanzwut sorgen dagegen mit clever in Szene gesetzten Lichteffekten für kleine Wunder. So setzen sich einige der Musiker dämonische Masken auf, die mit Fluoreszenz eingerieben sind, wodurch diese wie Überirdische Wesen über die Bühne zu schweben scheinen. Die elektrischen Instrumente sind mit Leuchteinheiten versehen, die dynamische Lichtwechsel vornehmen und bei Francois Villon, eine Hymne auf den Großmeister des Minnelieds, tritt ein Mitmusiker in schwarzer Gewandung und schwarz maskiertem Gesicht auf, während er eine Ziehharmonika spielt. Das sorgt für Gänsehaut und eine schöne Erinnerung, an einen großartigen Song. Doch neben den Effekten können Tanzwut das Publikum auch durch ihre Songs allein zum Interagieren bewegen. Über die gesamte Spielzeit von fast zwei Stunden hinweg wird im Publikum gejubelt und getanzt. Das muss man heutzutage in Berlin mal hinkriegen. Bei Highlights, wie Reiter ohne Kopf, Der Puppenspieler, Brüder im Geiste oder dem exklusiv in Berlin für ihren Verletzten Bandkollegen (er saß mit gebrochenem Bein im Publikum) gespielten Purer Leichtsinn auch kein Wunder.

Fast zwei Stunden lang (inklusive Zugabe) beerten Tanzwut das alteingesessene Columbia Theater. Zwar keine volle Hütte, doch hat es sich beinahe so angefühlt. Ein perfektes Heimspiel für die aus Berlin stammende Mittelalter Metal Band rund um den alten Haudegen Teufel. Und Tanzwut haben auch gezeigt, was sie schon mit ihrem neuen Album Seemannsgarn vorab bewiesen haben: Man sollte sie nicht als Band unterschätzen, weder musikalisch noch als Live Band. Wer Tanzwut die fragwürdigen Industrial Mittelalter Elektro Ausflüge aus Anfangstagen immer noch nicht verziehen hat, der ist selber Schuld.

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