Rock Hard Festival 2019

07. – 09.06.2019
Amphitheater
Gelsenkirchen


verfasst von Henry G.

Alle Jahre wieder trifft sich an Pfingsten alles, was im Pott – und darüber hinaus – was mit Metal am Hut hat, im Amphitheater zu Gelsenkirchen, um eine dreitägige Party der Extraklasse zu feiern und dem wie üblich ausgezeichnet zusammengestellten Programm an auftretenden Bands jeglicher Couleur der härteren Spielarten zu lauschen. So auch in diesem Sommer, wo die Macher abermals einen bunten Strauß an nationalen und internationalen Truppen von Underground-Bands bis hin zu richtigen Rockstars geladen haben, um das Ruhrgebiet einmal mehr zum Beben zu bringen. Wir als Magazin sind ebenfalls seit Jahren vor Ort und so ist es uns eine Freude, auch diesmal wieder vom Festival berichten zu können.

Vor Konzertbeginn am Freitagnachmittag stand erstmal die Anreise: für einen Ruhrpottler eigentlich unproblematisch, aber durch Gelsenkirchen durch war es kein Vergnügen, so ziemlich überall stand man nur im Stau hinter unzähligen LKW. Nach gefundenem Parkplatz dann ab zur Bändchenausgabe, die sehr zügig und ohne jedes Warten vonstattenging.

Kurz darauf war man im stark sonnenbeschienenen Amphitheater bei sommerlichen 26 Grad, wo in dem Moment Vulture ihre Show begannen. Die Speed-Metaller aus NRW haben just am Tag des Festivalstarts ihre neue Scheibe Ghastly Waves & Battered Graves veröffentlicht und was liegt da näher, als gleich noch das Rock Hard zu eröffnen. Das Rund war für die frühe Uhrzeit an einem Arbeitstag immerhin schon zu gut einem Drittel gefüllt und die Anwesenden wussten den Speed Metal der 2015 gegründeten Truppe mit Anfeuerungsrufen und dem einen oder anderen Crowdsurfer zu würdigen. Vulture haben schließlich schon in den Vorjahren mit Gigs auf kleinen Underground-Festivals von sich Reden gemacht. Von der niegelnagelneuen Scheibe wurden mehrere Stücke, darunter Beyond The Blade und Murderous Militia vorgestellt. Die Messer wurden allerdings schon zuvor gewetzt, bei Victim to the Blade. Optisch gehören zu Vulture in jedem Fall auch Nietenarmbänder und Patronengurte. Ein gewollt rumpeliger Oldschool-Sound trug bei zu einem gelungenen Festivalstart; für Vulture sicherlich der bisher größte Auftritt ihrer Geschichte mit ordentlich Publicitywert. Die Übertragung im Livestream war da noch ein zusätzliches Bonbon, pardon, eine zusätzliche Klinge obendrauf.

Der Nachmittag ging düster und todesmetallisch weiter mit Chapel Of Disease. Wer allerdings lediglich dumpfes Geknüppel á la Cannibal Corpse, welche erst am Folgetag auf dem Festival spielten, erwartete, wurde eines Besseren belehrt: Zwischen dem Todesstahl wurden immer wieder progressive und verspielte, fast bluesrockige Instrumental-Töne angeschlagen. Solche teils sehr melodischen sowie stets unvorhersehbaren Partien lockerten den Gig des Öfteren auf und ließen den Auftritt selbst für Zuschauer, die sonst wenig mit Death Metal anfangen können, kurzweilig und interessant werden. Die Band aus Köln war angeblich lange und häufig von den Festivalbesuchern gefordert worden. Dafür war das Amphitheater am Freitagnachmittag bereits ganz gut gefüllt. Insgesamt drei Alben haben Chapel Of Disease bisher produziert. Die Stücke, wie The Dreaming Of The Flame und Song Of The Gods sind teilweise recht lang, was dem Facettenreichtum der Musik geschuldet ist. Die bloße Kategorisierung als Death Metal ist hier somit eindeutig zu kurz gegriffen.

Eine andere Tonart schlugen im Anschluss The Idiots ein. Die Dortmunder Punk-Institution, welche 1978 gegründet wurde, war sicherlich stilistisch ein wenig der Ausreißer auf dem diesjährigen Rock Hard Festival. Etwas Abwechslung tut allerdings zwischendrin mal gut und The Idiots haben außer Punk und Ska auch sehr starke Metal-Einflüsse in ihrer Musik. Nummern wie Dead Heroes, Liar und Gotteskrieger rockten das Amphitheater auf ihre eigene Weise. Obwohl es noch nicht ganz voll war, wurden die Idiots im Innenraum doch gehörig abgefeiert – mit einem ziemlich großen Moshpit. Und die Band um den stets mit einer abgewandelten Wehrmachtsmütze auftretenden, drahtigen Frontmann Sir Hannes Schmidt stand auf jeden Fall für klare Statements; O-Ton Sir Hannes bei der Ansage zur Punk Rock Queen: „Was wären wir ohne die Liebe – nur eine leeres Bier.“ Und er beschwerte sich: “Manche haben die Liebe nur zwischen den Beinen…“ Zu einem Stück über Plastic irrten zwei in Folie verpackte Zombies über die Bühne und später ging Sir Hannes eine Runde Crowdsurfen, und zwar während er sang. In Anlehnung an Joey de Maio meinte der Idiots-Frontmann, er sterbe für Punkrock UND für Heavy Metal. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Die Umbaupausen ließen Zeit, sich auf dem Gelände etwas umzusehen. Anders als in den letzten Jahren, war das Rahmenprogramm etwas reduziert worden in diesem Jahr: Auf der Biergartenbühne wurden keine Lesungen und Interviews mehr gehalten und das Zelt eines Gitarrenladens mit darin auftretenden Profi-Gitarristen war verschwunden. Stattdessen war an der Ecke ein Pavillon von Marshall mit vielen der bekannten Verstärker darin aufgebaut, wo Hobby-Gitarristen sich mit eingespielter Banduntermalung präsentieren konnten. Im Diskozelt war außerdem eine Kunstaustellung untergebracht, die sich Painted in Blood – Heavy Metal Artwork nannte und bekannte und weniger bekannte Coverkunstwerke, unter anderem von Rage bis Avantasia, präsentierte, welche man – das nötige Kleingeld vorausgesetzt – gleich käuflich erwerben konnte. Die Schmuck-, CD- und Patch-Stände waren dieselben wie im Vorjahr und auch das Essen war ähnlich und preislich weitgehend unverändert. Mit einer Ausnahme: wo früher der Pulled Pork-Burger- Stand war, wurde nun veganes Essen feilgeboten – Sojabratling statt explodiertes Schwein. So macht sich dann also der gesellschaftliche Wandel selbst auf einem Festival wie dem Rock Hard bemerkbar.

Eine weitere Legende trat nachmittags auf die Amphitheater-Bühne – die britische NWBHM-Formation Tygers Of Pan Tang legte nach einem gehörigen Tigergrollen als Intro los. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen, somit war der Innenraum unter dem Zeltdach bestens gefüllt – nur ein Schauer zum Glück, der schnell vorüber ging. Die im gleichen Jahr wie die Idiots gegründete Heavy Metal-Truppe um das letzte Gründungsmitglied Robb Weir konnte durchweg für sehr gute Stimmung sorgen. Die Setlist setzte sich durchmischt, aus neuerem Material der letzten zwei Alben und einer Vielzahl von Songs von den ersten vier Platten vom Anfang der 80er Jahre zusammen. Die deutlich jüngeren Mitmusiker an zweiter Gitarre, Bass und Schlagzeug dürften diese Zeit noch nicht aktiv miterlebt haben, spielen das Material aber mit einer Routine runter, als hätten sie seitdem nie etwas anderes getan. Klassiker wie Lonely At The Top, Gangland und Take It bestimmten den ersten Teil der gut einstündigen Show. Später folgten weitere Nummern wie Hellbound und Don’t Touch Me There. Musikalisch etwas heraus stach der bluesige Stadionrocker Don’t Stop By. Sänger Jacopo Meille fragte mal, ob alle das erste Album Wild Cat haben, ansonsten wurde ohne viel Gequatsche konsequent die knappe Zeit genutzt, eine Tygers Of Pan Tang-Best Of- Show zu bieten. Insgesamt ein sehr solider Auftritt, der allerdings weder positiv noch negativ groß heraussticht und in Anbetracht des sonstigen an diesem Abend gebotenen Programms etwas zu schnell wieder in Vergessenheit gerät.

Ganz anders Lizzy Borden, bei den amerikanischen Theatrical-Metallern wird ganz eindeutig großer Wert auf die Showeffekte gelegt. Insbesondere die Optik ist ein großer Aktivposten bei Auftritten der Truppe aus Los Angeles. Deren Begründer und Frontmann Lizzy Borden betrat zum Opener My Midnight Things die mit reichlich Aufstellern im Band-Design versehene Rock Hard-Bühne mit einer metallenen Maske im Gesicht und einigen überdimensionalen Stacheln auf den Schultern und sah damit aus wie ein Roboter mit Mammutknochenumhang – hier dürften einige Filmrequisiteure aus Hollywood am Werk gewesen sein; das ist ja direkt um die Ecke vom Wohnort der Band. Verglichen damit nahm sich die Space-Sonnenbrille des Gitarristen eher bescheiden aus. Zu jedem weiteren Song wurde vom Frontmann eine neue Maske bzw. Verkleidung präsentiert, am spektakulärsten war hier sicherlich das dreifache Gesicht: eine Maske, bei dem drei Lizzy Bordens zu einem verschmolzen zu sein schienen. Die Setlist bot eine gute Mischung aus neuestem sowie neuerem Material wie Abnormal oder Tomorrow Never Comes und all den Lizzy Borden-Klassikern, die die Fans hören wollen. Dazu gehören natürlich Eyes of A Stranger und Master Of Disguise von 1987 beziehungsweise 1989, wozu der Meister schon mal mit Robe und Baseballschläger durch die Gegend stolziert. Das annähernd vollzählig erschienene Publikum im ziemlich vollen Amphitheater war anfangs etwas lethargisch, womöglich angesichts des im Hintergrund der grandiosen Bühnenshow etwas schwächelnden Sounds – insbesondere die Vocals gingen stellenweise regelrecht unter, was allerdings auch an der Maskierung des Sängers gelegen haben könnte. Nach etwa zwei Dritteln der Show war es Zeit für das Blutgericht: zu kreischenden Gitarren schlitzte sich der Frontmann Gesicht und Zunge mit einer Axt auf und zu There Will Be Blood Tonight gab es eine Runde Freiblut für alle, die im vorderen Bereich des Innenraums standen. American Metal war eine weitere Nummer, die immer kommen muss und im Sinne der Verbesserung des transatlantischen Verhältnisses gewandete sich der Frontmann außer in der amerikanischen noch in einer deutschen Flagge. Der Höhepunkt war allerdings erst danach erreicht; als das Riff von Me Against the World aus den Boxen donnerte, war schließlich beim Publikum kein Halten mehr. Trotz leichter Abstriche beim Sound für viele Besucher einer der stärksten Auftritte des gesamten Festivals!

Nach so einer berauschenden Party konnte nur noch Geknüppel folgen, dafür waren die Schwedischen Black Metaller von Watain zuständig. Der Beginn kam jedoch erst mit einiger Verspätung, Aufbauten und Soundcheck dauerten. Später konnte man in Interviews lesen, dass die Band auf dem Rock Hard wohl nicht ihre volle Show abfeuern konnte – aus technischen Gründen, wie es hieß. Man weiß ja nicht, was sie alles vor hatten, aber immerhin haben sie diesmal keine stinkenden Schweineköpfe dabei gehabt. Dennoch hatten Watain ein imposantes Bühnenbild mit diversen dreiarmigen Kerzenleuchtern, Fackeln, Öllampen, Ketten, Knochen und Dreizack-verzierten Amptürmen sowie zwei große umgedrehte Kreuze mit einem großen Watain-Schriftzug dazwischen. Überall loderten kleine Flämmchen und zur Eröffnung der Show brachte Sänger Erik Danielsson noch eine größere Fackel mit auf die Bühne. Nach dem Opener Underneath The Cenotaph bedankte er sich auf Deutsch bei den Zuschauern und freute sich, an einem Ort zu spielen, wo schon immer Satans Metal geschmiedet wurde. Die Corpsepaint- verzierten Musiker in Endzeit-Lederoptik stolzierten headbangend zum Geknüppel und mit finsteren Mienen über die Bühne, während das Licht die meiste Zeit tiefrot die Szenerie höllenmäßig zum Glühen brachte. Einige Songs von der letztjährigen Scheibe Trident Wolf Eclipse standen auf der ansonsten gemischten Setlist der Schweden mit Songs wie The Child Must Die, Malfeitor und Stellarvore.

Während Furor Diabolicus zündelte Danielsson an einer Öllampe rum und sang fortan in einen brennenden Mikroständer, wobei die Flammen direkt vor seinem Gesicht loderten – das war schon ein schön anzusehender Effekt und nicht ganz ungefährlich. Das Amphitheater war bei Weitem nicht so voll wie bei Lizzy Borden, die extremere Musikrichtung der Headliner dürfte einige Besucher zu einem verkürzten Festival-Abend verleitet haben. Die geblieben waren, waren entweder vom Auftritt oder dem heißen ersten Festivaltag geplättet und mussten ab und an mit einem freundlichen „make some fucking noise“ zur Teilhabe an der Show erinnert werden. Frei nach dem Motto ‚Wer später kommt, darf früher gehen‘, nutzten Watain die ihnen zur Verfügung stehende Zeit nicht aus, sondern verabschiedeten sich mit einem fünfminütigen Outro reichlich früh von ihrer somit um insgesamt eine Viertelstunde verkürzten Show. Der heimliche Headliner des Freitages hatte ohnehin schon davor gespielt – genauso lange.

Der Samstag startete zeitig gegen Mittag bei moderaten Temperaturen um die 15 Grad und bei geschlossener Wolkendecke mit den Ruhrpottrockern von Tyler Leads aus Recklinghausen. Die Nacht muss etwas stürmisch gewesen sein, manch einer brach schon die Zelte – oder was davon übrig war – ab und über den Nachmittag galt die Sturmwarnung weiter, so dass die ersten Bands vor offenem Bühnenhintergrund ohne Banner und sonstige Dekoration spielen mussten. So auch Tyler Leads, die sich als Tagesopener freuten, doch schon recht viele Zuschauer begrüßen zu dürfen, was sie wohl so nicht unbedingt erwartet hatten. Die Hard Rocker der Marke Airbourne konnten schnell bei den Zuhörern punkten und wurden schon nach zwei Stücken mit Anfeuerungsrufen gefeiert. Nicht schlecht für eine Truppe, die erst vor drei Jahren gegründet wurde. Der Sänger springt permanent über die Bühne, von der hohen Energie von Nummern wie Call Of The Wild und Electric Wasteland gepackt. In Anspielung auf das Wetter machte er ein unwiderstehliches Angebot an das Publikum: „Lasst euch sanft von einer 70 km/h-Böe streicheln und wir liefern den Soundtrack dazu.“ Besser geht’s nicht? Doch, es folgte noch eine kleine Premiere eines neuen Stückes oben drauf. Zum Ende mit Burning Smoke lief ein kleiner Moshpit durch den Innenraum und Sänger Johnny bekam eine kleine Trommel hingestellt, die er mit einem Gürtel malträtieren durfte. Härter kann ein Rock Hard-Tagesstart nicht rocken.

The Vintage Caravan aus Island sind eine der Bands, die vor ein paar Jahren auf der Retro-Rock-Welle mitreiten und schon etwas Bekanntheit gewinnen konnten. Das Trio startete am Mittag dennoch vor relativ leerem Rund auf dem Rock Hard, die Arena füllte sich aber im Laufe des Auftritts immer mehr. Der psychedelisch-verspielte Hard Rock der Isländer kam vom Sound her etwas zu bassbetont rüber, konnte ansonsten aber durch seine Virtuosität überzeugen. Von der aktuellen Platte Gateweays wurden einige Songs gespielt, darunter Reflections und Reset. Außerdem kamen Babylon und die Ballade Innerverse zu Gehör. The Vintage Caravan konnten allerdings nur relativ wenig Stimmung im Publikum erzeugen. Vor dem abschließenden Midnight Meditation wurde noch angekündigt, dass man in kommender Zeit viel hierzulande touren werde, und unter anderem als Support für Opeth auf Tour im Herbst komme.

Nach so viel Rock startete der Nachmittag etwas heftiger mit einer Runde Thrash Metal von Carnivore A.D. Die umbenannten Überbleibsel beziehungsweise Reinkarnation der in den 80ern von Peter Steele gegründeten Carnivore spielte eine Reihe Klassiker von den zwei Platten der Band von 1985 und 1987. Marc Piovanetti an der Gitarre und Louie Beato an den Drums sind die Originalmitglieder von Carnivore. Das Amphitheater war inzwischen gut gefüllt und der Opener, Carnivore gab die Marschrichtung vor: Thrash Metal mit Heavy-Schlagseite! „How the fuck are you?“ war die Begrüßung des Bassers und Sängers Baron Misuraca nach dem Opener. Predator und Inner Conflict folgten und bewiesen, dass das damalige Schaffen von Carnivore bis heute Relevanz hat. Nach den ersten Songs wurde das Trio von Anfeuerungsrufen unterstützt. Zu God Is Dead konnten dann alle eine Runde mitsingen, der Sänger fühlte sich daraufhin wie in New York anno 1986. Vor dem Rausschmeißer Sex And Violence erinnerte er daran, dass sie das alles für das Andenken von Peter Steele und Keith Alexander tun – der Gitarrist starb fünf Jahre vor Peter Steele im Jahr 2005. Hinterher wollten sie noch die Fans am Merch treffen. Insgesamt war das ein kurzweiliger und mitreißender Auftritt bei sehr gutem Sound, den Carnivore A.D. dort ablieferten.

Ebenfalls in den 80ern, genauer gesagt 1983, gegründet wurden die US-Metaller von Heir Apparent, welche am Samstagnachmittag spielten. Die Band ist der lebende Beweis, dass aus Seattle nicht nur Grunge kommt, sondern auch exquisiter, progressiver Heavy Metal. Heir Apparent haben in den 80ern zwei Alben veröffentlicht, seit 2000 ist man wieder aktiv, hat aber bis letztes Jahr gebraucht, die nächste Studioscheibe zu entwickeln. Lobenswert war, dass sie einen Keyboarder mit dabei hatten, anders als viele andere Bands, die auf Einspielungen zurückgreifen. Von der aktuellen Platte wurden mit The Door und Insomnia ebenfalls ein paar Titel gespielt, im Wesentlichen kam aber das ältere Material, insbesondere von der 1986er Debütscheibe Graceful Inheritance zu Gehör. Es war zwar recht voll im Amphitheater, aber das Publikum war seltsam still; etwas mehr Begeisterung hätte das Quintett schon verdient gehabt. Die Power-Ballade Keeper Of The Reign trug ebenfalls nicht gerade zur Stimmung bei; erst als der flotte Klassiker Tear Down The Walls gespielt wurde, waren die Zuschauer so richtig präsent und viele sangen den Text sogar mit. Jetzt hätte es doch noch ein sehr umjubelter Rest-Auftritt werden können, doch leider beendeten Heir Apparent an dieser Stelle die Show, obwohl sie noch gut vier Minuten gehabt hätten. Schade, denn eine Band wie diese bekommt man hierzulande nicht alle Tage zu sehen.

Progressive Metal war die Marschrichtung, in die nun Symphony X voll weiter einstiegen. Zwei Jahre nachdem Mike LePond mit Ross The Boss das Amphitheater gerockt hatte, stand er nun mit seiner eigentlichen Truppe wieder auf derselben Bühne. Nach dem cinematischen Intro spielten sie erst einige Minuten von Iconoclast, bevor Sänger Russel Allen hinzustieß. Progressive Metal ist ja für vertrackte Songstrukturen und reichlich Gefrickel bekannt, entsprechend lang sind die Stücke teilweise. Die instrumentalen Zwischenparts geben dem Sänger die Möglichkeit, schattenboxend über die Bühne zu rennen, wie ein Boxer im Ring, und sich zwischenzeitlich außerdem als Tänzer zu betätigen. Symphony X spielten im Wesentlichen neueres Material der letzten drei Alben, die ersten Jahre der inzwischen 25-jährigen Bandgeschichte wurden komplett außen vor gelassen. Es war die letzte Show der aktuellen Tour, dazu eine nicht allzu lange, da hat man sich eben für das neuere Material entschieden. Die weiteren Stücke wie Serpent’s Kiss und Without You kamen sehr gut beim Publikum an, es war konstant sehr voll geblieben.

Allen hatte ja eine zweite Band, Adrenaline Mob, deren Touraktivitäten vor zwei Jahren durch einen tragischen Verkehrsunfall, bei dem der Bassist ums Leben kam, abrupt gestoppt wurden. Man merkt dem Sänger an, dass er bis heute nicht darüber hinweggekommen ist, als er in einer längeren Ansage daran erinnert, dass man den Moment genießen sollte, weil das Leben jederzeit einfach so vorbei sein kann. Recht hat er. Zunächst war aber erstmal das sonnige Wetter vorbei und der nächste Schauer zog, während Symphony X spielten, über das Festivalgelände hinweg. Die Wolken sollten mit guter Laune zu Set The World On Fire weggeblasen werden, was aber nicht ganz funktionierte, die Umbaupause blieb ebenfalls noch verregnet.

Durch den Schauer war es unterm Bühnendach wieder mal noch voller geworden, als es ohnehin war, und alles wartete gespannt auf Skid Row. Doch die Soundleute wurden und wurden einfach nicht fertig mit ihren Einstellungen, so dass die amerikanische Hard Rock-Legende erst mit über einer Viertelstunde Verspätung loslegen konnte. Beim Opener Slave To The Grind war dann trotz aller Fummelei immer noch eine Weile das Mikro aus, so dass der halbe Song versaut wurde. Zum zweiten Stück, Sweet Little Sister, war er dann da, der erstklassige Sound, für den das Publikum so lange warten musste. Skid Row waren die erste Band des Tages, die vor einem Hintergrund, der nicht aus Rhein-Herne-Kanal und den angrenzenden Bäumen bestand, spielen konnte. Die Amerikaner präsentierten im Wesentlichen Titel von den ersten zwei Platten Skid Row und Slave To The Grind. Nummern wie Big Guns und 18 and Life sind natürlich längst Rockklassiker und sorgten beim Auftritt trotz leichten Regens für ausgelassene Partystimmung und nach wenigen Minuten kam die Sonne schon wieder hervor. Der frühere Dragonforce-Sänger ZP Theart macht als Frontmann auch hier eine gute Figur, stimmlich passt das sehr gut, die Sachen von Sebastian Bach zu singen, stellenweise klingt er sogar ein bisschen nach Vince Neil. Original-Gitarrist Dave „Snake“ Sabo war an diesem Tag leider verhindert und ließ sich vertreten durch Ryan Cook von der Gene Simmons Band. Original-Basser Rachel Bolan war stolz, so viele Metal-Kutten zu sehen im Publikum, das scheint in den Staaten nicht so verbreitet zu sein. Weitere Stücke wie Piece Of Me, die Coverversion des Ramones-Klassikers Psycho Therapy und Monkey Business waren wie gemacht für das Ambiente des Amphitheaters. Viele Crowdsurfer schwebten durch die Luft und die Musiker wurden durchgehend angefeuert. Zum Finale mit dem obligatorischen Youth Gone Wild, war die Stimmung endgültig am Kochen, was Skid Row zu einem weiteren Abräumer des Festivals werden ließ. Das eingespielte Outro Take Me Home, Country Roads wurde anschließend aus Tausenden Kehlen inbrünstig mitgesungen, sowas hat man auf einem Metalfestival auch noch nicht erlebt. Da war es gerade noch zu verschmerzen, dass Skid Row durch die Verspätung knapp 10 Minuten kürzer spielten als geplant.

Im Anschluss kam DER Headliner für alle die, für die die anderen Bands des Abends nur Kindergeburtstag sind. Cannibal Corpse zerlegten mal wieder das Rock Hard mit ihrem Brutal Death Metal. Man muss sich das nicht unbedingt 75 Minuten lang ansehen, will man bösen Zungen glauben schenken, die meinen, dass Cannibal Corpse quasi die AC/DC des Death Metal seien, von denen man also behaupten könnte, dass sie im Grunde nur einen Song hätten, den sie nur in unzähligen Variationen spielten. Insofern war das eine gute Gelegenheit, mal eine Essenspause einzulegen. Das sahen allerdings nicht viele so, denn zur Mitte des Auftritts war das Amphitheater sehr voll gewesen. Im Innenraum tobte ein riesiger Moshpit und jemand hatte seine aufblasbare Freundin aus Gummi mitgebracht, die ihre Runden durch den Pit drehte. Nummern wie Kill Or Become, Death Walking Terror und Make Them Summer knüppelten aus den Boxen auf das Publikum hernieder, Frontgrowler George Corpsegrinder Fisher headbangte seine Windmühlen und die Fans waren zufrieden moshend angesichts des Abrisses. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Der offizielle Headliner des Samstags waren Gamma Ray, die nach mehrjähriger Pause wieder ihre erste Show spielten. Es war zu Beginn mit Land Of The Free allerdings deutlich leerer im Innenraum, als bei Cannibal Corpse oder Skid Row. Kai Hansen teilt sich ja schon seit der letzten Tour vor drei Jahren den Gesang mit Frank Beck, der inzwischen festes Mitglied ist. Die beiden ergänzen sich auch ganz gut. Im Laufe des Abends präsentierten Gamma Ray eine Best Of-Setlist mit den meisten bekannteren Stücken der Band. Der Sound war erstklassig, aber das Licht nervte mit der Zeit sehr, da einige der Strahler direkt auf Publikumshöhe eingestellt waren und die vorne Stehenden somit ständig geblendet wurden. Nach Master Of Confusion machte Kai Hansen, der eine etwas seltsame Frisur trägt, eine Ansage; ähnlich wie der Idiots-Frontmann nahm er Bezug auf die Joey de Maio -Aussage für Metal zu sterben – Gamma Ray sterben nicht für Heavy Metal, nur für Bier und Whisky Cola. Bei Heavy Metal Universe wurde eine längeres Mitsingspielchen veranstaltet und kurz You’ve Got Another Thing Coming von Priest angespielt, immer ganz nett sowas. Die Stimmung im Amphitheater war bei der Headlinershow gut, aber nicht so überragend wie bei Skid Row beispielsweise. Die Ballade The Silence von der ersten Platte nahm noch etwas das Tempo raus, sie ist irgendwie zu lang, für einen Festivalauftritt. Mit To The Metal gaben die Nordlichter danach wieder Vollgas und Rebellion in Dreamland ließ Crowdsurfer und Mosher aufwachen. Gegen Ende der Show wurden noch zwei Songs von der 2014er Platte, Empire Of The Undead, präsentiert: Hellbent und Avalon sind allerdings eher weniger bekannt. Heaven Can Wait ist dagegen wieder ein Gamma Ray-Klassiker, der auf keinem Konzert fehlen darf. Plötzlich war die Show ziemlich unvermittelt zu Ende, für eine Zugabe war keine Zeit mehr, da um Punkt 23 Uhr Schluss sein musste und das Konzert etwa 5 Minuten verspätet begonnen hatte. Früher wurde ja immer noch I Want Out von Helloween in der Zugabe gecovert, aber ob das jetzt, wo Hansen wieder mit seinen früheren Weggefährten tourt, noch so fortgeführt wird, müssen weitere Konzerte zeigen.

Gamma Ray haben ihre Show selbst nach drei Jahren Pause routiniert runtergespielt, es war schon unterhaltsam, aber etwas Besonderes zum Comeback nach so langer Zeit war es nicht geworden – eher ein routinierter Gig alter Hasen zum Ende des zweiten Festivaltages.

Der Sonntag begann mittags wieder mit praller Sonne und dazu Todesmetall von den Newcomern aus Saarbrücken, The Spirit. Erwartungsgemäß war das Amphitheater um diese Zeit relativ leer, nur einige wenige Headbanger zelebrierten die düsteren Klänge des Quartetts. Über die Bühne waberte Nebel, aber die Sonne ließ den Black/ Death-Metal von The Spirit nicht so richtig zur Geltung kommen. Dennoch waren die anwesenden Zuschauer nach wenigen Minuten Feuer und Flamme für die Band. Sehr gut zur Geltung kam das Artwork auf dem Hintergrundbanner, das eine Treppe in einer Art Tempel zeigt, die in einen dahinterliegenden kosmischen Strudel führt, das sieht sehr gut aus. Die Musiker haben 2017 ihre erste Scheibe, Sounds From The Vortex, veröffentlicht, deren Tracks auch fast in der Reihenfolge gespielt wurden. Ein starker und heftiger Opener für den letzten Festivaltag.

Nummer Zwei des Sonntages waren Zodiac, die kurzfristig für die einige Tage vorm Festival absagenden The Obsessed eingesprungen sind. Kommt Zeit, kommt Wino, so ließ der Ansager wissen – nun ja, erstmal kamen Zodiac. Die Münsteraner Blues-Rocker haben sich Ende letzten Jahres nach fast zwei Jahren Inaktivität mit einem neuen Basser wieder zusammengefunden. Das Amphitheater war zu etwa einem Viertel voll, vor der Bühne war sehr gute Stimmung, einige Male ließ sich das Publikum zum Mitklatschen bewegen. In der Musik von Zodiac gibt es immer wieder längere Instrumentalpassagen, so zum Beispiel bei Free von der zweiten Platte, A Hiding Place. Die Musiker schienen den Auftritt bei bestem Festivalwetter besonders zu genießen und Gitarrist und Sänger Nick van Delft gestand, er könnte noch drei Stunden lang so weiter spielen. Soviel Zeit war natürlich nicht, man kam relativ schnell zum letzten Song, aber das über zehnminütige Coming Home ist ein episches Großwerk, das zum Abschluss eines jeden Zodiac-Konzertes zelebriert wird. Da haben die Rock Hard-Macher einen sehr gut ins restliche Programm passenden Ersatz für die ausgefallenen Amerikaner gefunden.

Die folgende Truppe ist offenbar schon lange über den Status des Geheimtipps hinausgewachsen. Umso verwunderlicher, dass Visigoth als dritte Band des Festivaltages so früh am Nachmittag drankamen. Denn das Amphitheater war berstend voll zu dem Auftritt! Im Innenraum war kein Durchkommen mehr, so viele Leute wollten die Epic Heavy Metaller aus Salt Lake City sehen. Dungeon Master von der ersten Platte eröffnete die Show, gefolgt von der Warrior Queen. Visigoth wurden konstant angefeuert und viele Zuschauer konnten die Texte lautstark mitsingen. Wie schon damals auf dem German Swordbrothers 2018, wirkte der Sänger Jake Rogers diesmal wieder etwas heiser in seinen Ansprachen, was aber nun vielleicht weniger an einer Grippe, als eher am Tour- und Partypensum der Musiker gelegen haben mag. Zwei neue Songs hatten Visigoth mit im Programm dabei, Fireseeker und Abysswalker von einer kurz zuvor veröffentlichten EP. Das neue Material kam ebenso gut bei den zahlreichen Fans an, wie die bereits bekannten Stücke Outlive Them All und Steel And Silver, wobei sich das Publikum wieder einmal ausgesprochen textsicher zeigte. Traitor‘s Gate beendete den Gig unter lautstarken Zugaberufen. Visigoth versprachen zum Ende des knapp 50-minütigen Konzertes den Tausenden Fans, bald zurück zu sein – da wird wohl demnächst eine größere Headlinertour fällig werden. So sieht ein Fanfavorit aus, nächstes Mal aber bitte etwas später und mit längerer Spielzeit!

Long Distance Calling sind eine reine Instrumentalband aus Münster, die im Programm des Sonntagnachmittags weiter machten. Nach einem ruhigen Intro folgten atmosphärische Songs wie Trauma, Ascending und Black Paper Planes, die teils verfrickelt bis schrammelig, teils von melodischen Riffs getragen, teils ungeahnt heftig arschtretend sind. Das Konzert stieß auf durchaus großes Publikumsinteresse, obwohl es nicht ganz so voll gewesen war, wie zuvor. Das Gute bei Instrumentalmusik ist, dass es dem Zuhörer überlassen bleibt, sich einen Inhalt zu der Musik zu denken, dieser wird nicht von Worten vorgegeben. Der Sound direkt vor der Rock Hard-Bühne war überaus peppig, man hat durch die Druckwellen von Drums und Bass eine regelrechte Gesichtsmassage bekommen. Diese Musik lebt einfach vom Wechsel sehr verspielter filigraner Passagen hin zu heftigeren Stellen mit treibendem Bass. Es ist schon sehr interessant, das live anzusehen, aber über die Dauer des gesamten Auftritts wird es auch ein wenig langatmig, durch die zahlreichen Motivwiederholungen. Der Gig kam überraschend gut an bei den Zuschauern, die stellenweise mitklatschten und gegen Ende der Show die Musiker kräftig anfeuerten. Nichts gegen die Jungs von Long Distance Calling, aber warum sie eine längere Spielzeit bekamen, als die ungleich bekannteren Abräumer von Visigoth, erschließt sich einem nicht nach beiden Gigs.

Fifth Angel spielten danach, die US Power Metal-Truppe hat Ende der 80er zwei Alben rausgebracht und war seitdem lange Zeit inaktiv, bis 2010 eine Show gespielt wurde und dann im Jahr 2018 die dritte Platte veröffentlicht wurde. Seit diesem Jahr gibt es wieder einen neuen Sänger, Steven Carlson, der bei den Aufnahmen zum letztjährigen Comeback-Album noch nicht dabei war. Ihre Anwesenheit auf dem Rock Hard fällt unter die Kategorie ‚absolute Rarität‘, denn außer auf einigen wenigen Festivals sieht man die Band so gut wie nie hierzulande. Der Bassist John Macko hatte allerdings nach wenigen Minuten technische Probleme und musste eine ganze Weile fummeln, bis er wieder teilnehmen konnte; seine Mitmusiker machten unterdessen ohne ihn weiter. Im Wesentlichen wurden natürlich die Klassiker von den ersten beiden Alben gespielt, darunter Seven Hours, Cathedral und Call Out The Warning. Im Innenraum war es vergleichsweise leer, zu wenige schienen Fifth Angel überhaupt zu kennen. Mit Stars Are Falling und dem Titelrack The Third Secret waren immerhin zwei Nummern von der neuen Platte mit dabei, im Vordergrund standen jedoch weitere Klassiker wie Wings of Destiny und Fifth Angel. Zusätzlich wurde ein Drum Solo mit eingebaut – muss man bei einem einstündigen Auftritt eigentlich nicht haben, aber egal. Die Anwesenden genossen die Show jedenfalls sehr, dazu gesellte sich auch der Sänger von Visigoth, der ebenfalls die Chance nutzte, eines der seltenen Konzerte von Fifth Angel zu sehen.

Der frühe Sonntagabend wurde etwas ruhiger und progressiver angegangen, mit dem britischen Rock-Urgestein Magnum. Die 1972 von Bob Catley gegründete Band dürfte die dienstälteste Truppe auf dem diesjährigen Rock Hard gewesen sein. Jüngeren Semestern dürfte der weißmähnige Catley allerdings eher von Avantasia her bekannt sein. Hier trat der stets mit den Händen „dirigierende“ Sänger dagegen nun wieder einmal mit seiner ursprünglichen Gruppe auf – zuletzt waren Magnum 2012 im Amphitheater zu Gast. Catley hatte wie immer das Bedürfnis, während der Show all seinen Mitmusikern zu zeigen, wo es lang geht und zwischendrin hatte er dann Zeit, das Publikum zu dirigieren. Dieses reagierte eher zwiegespalten; das Amphitheater war am frühen Abend insgesamt sehr voll, im Innenraum vor der Bühne lichteten sich aber deutlich die Reihen während der Spielzeit. Die Hälfte der Zuschauer ging kräftig ab zu den Songs, die andere Hälfte wusste nicht so recht etwas damit anzufangen. Das Keyboard ist sehr präsent in der Musik von Magnum, die prototypisch für das Hard Rock-Subgenre AOR angesehen wird. Zu Beginn spielten Magnum einige neuere Stücke von den letzten beiden Alben, wie Lost On The Road To Eternity und Crazy Old Mothers. Im zweiten Teil der Show mit alten Nummern wie How Far Jerusalem, Vigilante und Don’t Wake The Lion (Too Old To Die Young) herrschte aber zunehmend bessere Stimmung und die Band wurde auch des Öfteren angefeuert. Insgesamt war der Auftritt eine interessante Geschichtsstunde in Sachen Classic Rock. Bemerkenswert, dass fast nur die alten Stücke aus den 80ern wirklich gut bei den Festivalbesuchern ankamen.

Nach so viel Eingängigkeit war die Zeit gekommen, noch einmal den Knüppel rauszuholen. Die kalifornische Death/Thrash Metal-Legende Possessed war als Co-Headliner am Sonntagabend mit einem verdammt starken Auftritt in Gelsenkirchen dabei! Die Truppe um den seit einem Raubüberfall gelähmten Jeff Becera wird gemeinhin als Mit-Begründer des Death Metals angesehen, Becerra ist allerdings das einzige verbliebene Originalmitglied. Nach zwei Alben Mitte der 1980er Jahre dauerte es bis Mai dieses Jahres, bis die dritte komplette Studioscheibe veröffentlicht wurde. Das Bühnendesign war komplett im Artwork dieser neuen Platte, Revelations Of Oblivion, gehalten. Im Innenraum war es zu Beginn relativ leer, die Stufen im Hintergrund hingegen waren sehr voll. Die Band würde man aus heutiger Sicht eher in Richtung Thrash Metal einordnen, wenn auch etwas düsterer. Heutiger Death Metal, wie ihn Cannibal Corpse am Vorabend spielten, ist noch eine Ecke extremer. Wenn der Sänger seine Texte zu pfeilschnellen Gitarrensoli und einem hämmernden Drumbeat ins Mikro keift, klingt er dagegen stellenweise fast wie Lemmy auf Speed. Es tobte zu alten Nummern wie Tribulation oder Evil Warriors sowie den immer wieder eingestreuten neuen Songs wie Demon und Abandoned ein amtlicher Moshpit und zahlreiche Crowdsurfer flogen durch die Luft. Zwischendrin erzählte Becerra freimütig von seiner Drogen-Vergangenheit und präsentierte das daraus entstandene Stück Storm in My Mind. Vom vorderen Innenraum wurden Possessed immer wieder angefeuert, ansonsten war das Publikum eher ungewohnt ruhig. Weitere Possessed- Stücke aus den 80ern im Programm waren The Eyes Of Horror, Death Metal und Burning Hell zum Ende der Show. Possessed lieferten an diesem Sonntagabend ein sehr starkes und heftiges Konzert ab, das den Anwesenden lange im Gedächtnis bleiben wird und nebenbei die perfekte Grundlage für den noch folgenden Headliner bot.

Die New Yorker Thrash Metal-Legende Anthrax muss man niemandem mehr vorstellen; sie gehören schließlich zu den sogenannten „Big Four“ des amerikanischen Thrash Metal der 80er Jahre. Das Rock Hard-Festival ging ins Finale mit dem großen Headliner aus Übersee; doch bevor der loslegte, war erstmal Metal-Disse mit Iron Maiden angesagt – und dadurch wieder ein Weilchen Verspätung aufgelaufen. Als dann endlich Scott Ian, Charlie Benante, Joey Belladonna, Frank Bello und Jonathan Donais auf der Bühne standen und Caught in a Mosh aus den Boxen bretterte, tobte sofort ein riesiger Moshpit, der große Teile des Innenraums einnahm. Anybody Got The Time fragte Belladonna anschließend, übrigens ein Cover und nicht im Original von Anthrax. Darauf folgte Madhouse und verwandelte das Amphitheater in ein ebensolches. Belladonna schnappte sich währenddesssen kurzerhand eine Kamera des Rockpalastes, der das Konzert filmte, und drehte seinen eigenen Mitschnitt. Scott Ian, der immer mal gerne selbst ein paar Worte ans Publikum richtet, wollte wissen, ob dieses denn Thrash Metal möge, beziehungsweise liebe. Sinnlose Frage eigentlich, sonst wäre es wohl kaum so voll gewesen im Amphitheater, obwohl allerdings nicht ausverkauft. Aber der Gitarrist mit dem grauen Rauschebart entschuldigte sich für die Frage mit seinem Jetlag, denn es war erst die zweite Show der aktuellen Tour. Mit Ausnahme von Evil Twin und In The End von den letzten beiden Alben wurden eigentlich nur Titel von den in den 80ern mit Belladonna aufgenommenen Platten gespielt, darunter selbst weniger bekanntes Material wie Now It’s Dark – eine echte Oldschool-Show also. Dazu sorgten ein super Sound und ein angenehmes Licht für das perfekte Konzerterlebnis. Vor der Bühne und insbesondere im Pit wurden alle Songs euphorisch abgefeiert, auf den Rängen war eher weniger los.

Zum Finale mit Antisocial, eine weitere Covernummer, und Indians wurde nochmal alles gegeben. Scott Ian mobilisierte noch mehr Leute mit seiner Bemerkung, dass er fürchte, dass nicht alle so viel Spaß hätten, wie sie sollten; also sollten die Leute im Pit noch etwas härter rangehen. Daraufhin stand man plötzlich selbst im hinteren Innenraumbereich mitten im Pit, ob man wollte oder nicht. Anthrax veranstalteten den krönenden Abschluss und einen mehr als würdigen Headlinerauftritt, der gerne noch länger hätte sein dürfen.

Genauso wie das Rock Hard Festival 2019, das mit dem Anthrax-Gig sein Ende fand. Das Programm war wie immer abwechslungsreich, über die Headliner konnte man zum Teil mal wieder diskutieren. Es wäre sicherlich gut gerechtfertigt gewesen, Lizzy Borden als Freitags-Headliner und Skid Row am Samstag zu nehmen, anstatt Watain und Gamma Ray. Damit hätte man zwei der am stärksten besuchten Programmpunkte des diesjährigen Festivals jeweils als Tagesabschluss gehabt. Über Anthrax verbietet es sich natürlich zu diskutieren, das war schon optimal. Der große Nachmittagsabräumer waren Visigoth, das konnte man aber nach dem Hype der letzten Jahre so erwarten, somit hätte man ihnen eigentlich gleich mehr Spielzeit geben können. Ansonsten hat wieder mal alles gut gepasst dieses Jahr, der Sound war weitestgehend in Ordnung, mit Abstrichen bei Lizzy Borden. Das Wetter war gut, wenn man von der ersten Sturmnacht absieht, die manches Zelt zerlegt hat; mal ein Schauer ab und zu ist durchaus normal im Sommer. Bier- und Essenspreise sind stabil geblieben, wenn auch auf hohem Niveau. Die Orga war ebenfalls sehr gut: die meisten Spielzeiten wurden eingehalten, und man ist jederzeit schnell durch den Securitycheck aufs Gelände gekommen. Die Securities sind ohnehin immer die Entspanntesten beim Rock Hard. Von daher, Daumen hoch, Rock Hard 2019! Wir warten gespannt auf die ersten Bandbestätigungen für 2020!

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