Festivalreviews

Ironhammer Festival 2018

Created by Henry G. | |   Festival

08.09.2019

JUZ - Live Club

Andernach

Die Outdoor-Festivalsaison ist abgehakt, aber die langsam sinkenden Temperaturen sind noch lange kein Grund, auf Festivals zu verzichten. Es geht einfach in den Hallen weiter. Nach dem erfolgreichen Start im letzten Jahr, stand am zweiten Septemberwochenende die zweite Ausgabe des Ironhammer-Festivals in Andernach auf dem Programm. Hier ging es in erster Linie mit klassischem Heavy Metal zur Sache.

Das Programm startete frühzeitig kurz vor halb vier mit den Heavy Rockern von Wild Rider. Das Quintett aus Bad Breisig konnte schon eine beachtliche Zuschauerzahl im Inneren des JUZ versammeln und rockte mit ordentlichem Sounddruck ihr Set runter. Hard Rock von Guns n‘ Roses bis Mötley Crue ist ganz klar der größte Einfluss der jungen Truppe, die sich unter dem geschickten Slogan „Germany’s Hottest Hardrock Band in the World“ vermarktet. Aber auch ein Faible für Heavy Metal lässt sich heraushören aus der schweißtreibenden Musik von Wild Rider. Bisher gibt es nur eine 4-Track-EP der Truppe und mit dem heftig rockenden Revel Lord noch eine neuere Nummer. Auf der Bühne ging es nicht ganz so wild zu im JUZ - außer dem Leadgitarristen standen die anderen Musiker die meiste Zeit etwas steif auf ihren Positionen - etwas mehr Dynamik hätte den Funken zum Publikum noch leichter überspringen lassen. Dennoch ein musikalisch hochklassiger Start des Festivals mit einer regionalen Band mit großem Potential.

Wolfen kennt man schon länger, wenn man öfters in der Metal-Szene unterwegs ist. Die bereits Mitte der 90er gegründeten Kölner Power Metaller haben diesen Sommer ihre sechste Scheibe Rise of The Lycans veröffentlicht. Erst langsam während des Gigs füllte sich das JUZ stärker. Wolfen haben einige sehr starke Songs auf der Pfanne, darunter das mit der Zeile Clear The Way nach Publikumsinteraktion schreiende The Irish Brigade. Außer klassischem Heavy Metal hat die Truppe auch Thrash Metal-Einflüsse zu bieten, die bei heftigeren Stücken wie Wolfpack von der 2006er Platte The Truth Behind zur Geltung kommen. Von der neuen Scheibe wurde zunächst das mit fulminantem Gitarrenspiel aufwartende Genetic Sleepers vorgestellt. Beim zum Abschluss gespielten New World Order haben sie eindeutig gehörig von Manowar und Dio abgekupfert, dennoch ein gutes Stück mit Mitsingpotential im Refrain. Insgesamt ein kurzweiliger Auftritt des Quintetts mit gutem Sound, obwohl das Mikro auf halber Strecke versagte und erst ein neues Kabel her musste. Wolfen sind zurück!

Iron Jaws aus Italien schlagen kräftig in die Speed Metal-Kerbe. Ihren größten Fan haben sie gleich mitgebracht, der während des Gigs das eine oder andere Mal die Bühne stürmte, um mit der Band gemeinsam abzurocken. Hohe Screams und ein heavy Sound mit blubbernd- rumpelndem Bass und speedigen Riffs sind die Zutaten der Mucke von Iron Jaws. Nach dem Opener direkt mit Anfeuerungsrufen von der kleinen, aber lauten Menge im JUZ begrüßt, waren die Italiener am Nachmittag die Truppe, die zwar die geringste Zuschauerzahl hatte, aber die beste Stimmung in der Halle für sich verbuchen konnte. Ein wenig Schauspielern gehört dazu beim Sänger, der seine Texte wild gestikulierend auf der Bühne durchlebt. So sind sie die Italiener. Die letzte Platte von Iron Jaws ist aus dem Jahr 2013 und Nummern wie Speed Metal Command, Nuclear Disaster und der Titeltrack Guilty Of Ignorance rumpeln gehörig oldschoolig vor sich hin. Für letzteres schlüpfte der Sänger in die Rolle eines Richters mit weißer Perücke. Nach Aussage des Bassisten ist eine neue Platte in der Mache und mit Evil Bringer konnten sie bereits ein neues Stück präsentieren. In den meisten Pausen wurde die Band angefeuert, zum Ende holten die Ironhammer-Besucher sogar noch eine Zugabe in Form einer weiteren Runde Speed Metal heraus.

Screamer ließen im Anschluss etwas auf sich warten, mit einigen Minuten Verspätung enterten die Schweden, die derzeit mit Night Demon auf Tour sind, die Ironhammer-Bühne in praktischer Einheitskleidung mit weißem Shirt unter schwarzer Weste. Anders als bei den vorherigen Bands, war das JUZ nun bis hinten mit einigen hundert Leuten sehr gut gefüllt und die dicht gedrängten partywütigen Fans brachten Band und Publikum gleichermaßen ins Schwitzen. Vorwiegend ältere Stücke von der ersten Platte Adrenaline Distractions wie Screamer, Can You Hear Me und Keep On Walking entfesselten eine Metal-Party, wie man sich ein Festival wie dieses vorgestellt hat - überall headbangende Metaller mit einem Bier in der Hand. Auf der Bühne verdeutlichten die Seitenaufstellbanner mit der simplen Aufschrift Heavy Metal, dass hier nichts anderes als gute Musik im Vordergrund steht. Etwas Nebel, erstklassiger Sound und eine gute Lichtshow trugen bei zur guten Festivalstimmung. Einige neuere Stücke wie Lady of the Night, On My Way und das von den Fans abgefeierte Monte Carlo Nights standen ebenfalls auf dem Programm und Rock Bottom machte schließlich eine Dreiviertelstunde schwedische Heavy Metal-Party perfekt. Screamer sind schon seit Jahren in der Szene kräftig gehypt, aber mitreißende Auftritte wie dieser beweisen, dass die Unterstützung und die Herzen der Fans ihnen zu Recht gehören.

Weiter ging es mit zusätzlicher Verspätung im Programm mit Midnight Rider, welche mehr als 15 Minuten nach der geplanten Auftrittszeit loslegten. Die bis ins Jahr 2004 zurückreichende Band um die Metal Inquisitor-Saitenfraktion Blumi und Cliff Bubenheim hat einen Sound wie von Black Sabbath und Judas Priest in den 70ern kultiviert und präsentierte auf dem Ironhammer zahlreiche Titel ihres im letzten Jahr veröffentlichten Debüts. Zunächst startete das Koblenzer Quartett vor einer weitgehend leeren Halle, die sich aber zusehends weiter füllte. Es roch nach Räucherstäbchen, die auf dem Bühnenboden angezündet wurden und die tiefe Versunkenheit von Basser und Gitarrist in ihre Musik ließ eine fast andächtige Atmosphäre entstehen. Sänger und Frontmann Wayne klingt stellenweise sehr nach frühem Rob Halford. Die Band spielte die stärksten Tracks ihrer Platte wie The Execution, Tears of your Temptation, When I Spew My Hate und Creature of the Night. Anders als zuvor bei Screamer, kam bei Midnight Rider aber nicht allzu viel Stimmung auf in der Halle, das Publikum blieb auch zwischen den Songs etwas zu ruhig, selbst als mit Heroes & Speedfreaks ihre Hommage an Bowie und Lemmy angekündigt wurde. Dennoch kam die Musik der Koblenzer offensichtlich so gut bei den Ironhammer-Besuchern an, dass kurz nach Ende des Auftritts sämtliche Exemplare ihrer CD Manifestation vergriffen waren.

Stallion waren danach an der Reihe, ihren mit eiserner Faust dramatisierten, mit Nietenarmbändern und Patronengurten gespickten Speed Metal auf die Massen loszulassen. Rise and Ride eröffnete die Show mit super Sound vor einer gut gefüllten Halle. Nach weiteren Songs wie Down and Out und Wild Stallions übermittelten die Süddeutschen einen „Schönen Gruß nach Chemnitz“ mit ihrem 15‑Sekunden-Kracher Kill Fascists. Die Festivalbesucher begrüßten das Engagement mit lautstarkem Applaus. In einer Ansage freute sich Frontmann Pauly wieder auf dem Festival zu spielen - damit meinte er aber offensichtlich das A Chance For Metal am selben Ort, auf dem sie vor zwei Jahren als Headliner spielten. Weitere Stallion-Nummern wie Stigmatized und Underground Society wurden von zahlreichen Headbangern im Publikum gehörig abgefeiert. Man fragt sich immer, wie der Sänger die hohe Stimmlage einen ganzen Auftritt über durchhält, ohne irgendwann keinen Ton mehr rauszukriegen, aber die Übung macht es wahrscheinlich möglich. Zum Ende der Show erfolgte nochmal ein Plädoyer, sich rechtsradikalen Tendenzen wie in Chemnitz überall entgegenzustellen und dazu noch eine Runde Kill Fascists, bevor mit Canadian Steele die Bühne für den Co-Headliner aus Kalifornien zurechtgeschmiedet wurde.

Night Demon sind ja im Moment der Überflieger am True Metal-Horizont. Ein Blick aufs Tourshirt und die darauf abgedruckte Anzahl an Tourdaten verdeutlicht schnell, woher der Erfolg kommt - ununterbrochene harte Arbeit auf den Bühnen dieser Welt! Seit Frühjahr 2017 ist das Trio nur mit kurzen Unterbrechungen eigentlich ständig auf Tour, unter anderem mit Accept im letzten Winter und bei zahlreichen Festivalauftritten hierzulande. Standesgemäß eröffneten Night Demon den Auftritt mit Welcome to the Night, das JUZ war mit an die 400 Leuten gut gefüllt und die Stimmung headlinerverdächtig. Nach Full Speed Ahead spielten sie kurz eine Coverversion von Motörheads Overkill an, bevor der Dawnrider durch die Boxen pflügte. Für kurze Zeit verschwanden sie für ein Zwischenintro vor Howling Man, bevor ohne weitere Unterbrechungen Songs wie Maiden Hell, Satan und Ritual auf die lautstark applaudierende Menge einbretterten. Ein kurzes Drum Solo mit reichlich Anfeuerungsrufen für die Band läutete den Titeltrack des ersten Albums von 2015 ein - Curse of the Damned besticht mit einem klasse Mitgröhlrefrain und einem großartigen Gitarrensolo. Jetzt wurde die Band öfters mit lautstarken Night Demon-Rufen bedacht. The Chalice ist nicht nur ein Stück mit großartigen Riffs, sondern auch immer ein Höhepunkt der Liveshow, wenn der Gevatter Tod mit dem Heiligen Gral auf die Bühne kommt. Frontmann und Basser Jarvis Leatherby bedankte sich für den herzlichen Empfang im zweiten Zuhause der Band, hier in Deutschland, und zum Abschluss folgte das selbstbetitelte Night Demon von der ersten EP der Kalifornier, bevor der mit nur 50 Minuten sehr knapp bemessene Auftritt endete und die Bühne für das leichtbekleidete Kontrastprogramm freimachte.

Denn als Headliner waren die grandiosen Sex Gepard eingeladen. Von der Band hat man seit ziemlich genau 10 Jahren nichts gehört, als sie auf dem Magic Circle Festival in Bad Arolsen die Halle rockten. Gut, im Jahr danach erschien offiziell das Album, aber spielen hat man sie seither nicht mehr gesehen. Nun sind sie also zurück und das auf dem Ironhammer! Vor dem Auftritt stand die Bitte eines der Veranstalter, keine Fotos und Videos des Geschehens zu machen und ins Internet zu stellen. Doch natürlich muss hier ereignisgetreu berichtet werden, was sich bei dem Auftritt alles zugetragen hat! Dabei - so viel sei vorweg gesagt - war das Ganze am Ende doch relativ harmlos. Wildcat Porno Heavy Metal soll in erster Linie Spaß machen und dafür sorgen Sex Gepard und ihre Gogo Girls allemal auf der Bühne.

Was braucht es dafür? Erstens muss das Outfit stimmen: Gepardenspandexhosen, pornöse Masken aus Stoff mit Gepardenmuster oder aus Lackleder, ein angeklebter Gepardenschwanz am Allerwertesten des Sängers und drei leichtbekleidete tanzende Mädels dazu tun das Ihre. Zweitens muss man mächtig einen drauf machen - wer sagt denn, dass Flammenwerfer und Pyrofontänenregen nicht in der Halle des JUZ abgefeuert werden können? Drittens braucht es Metalsongs so knackig wie die Hintern der Tänzerinnen. Viel mehr ist nicht nötig für die perfekte Sex Gepard-Show! Diese wurde mit Heat of Savannah und Summercamp Gangbang gut 20 Minuten nach dem Zeitplan eröffnet. Die Halle war nicht mehr ganz so voll, wie bei den vorherigen Bands, aber wer blieb, bekam die mit Abstand unterhaltsamste Show des Abends geliefert. Der Unterhaltungswert lag nicht nur bei den immer wieder miteinander knutschenden Tänzerinnen, sondern auch in den launischen Ansagen des Sängers wie „Unser Drummer hat leider Ohrentripper bekommen, aber wir haben einen anderen Perversen gefunden, den Hendrik Beerkiller von Steelpreacher!“ oder „Das Beste daran in einer Band zu sein, ist das Freibier“.

Im Laufe der Show wurde noch ein Saufwettbewerb abgehalten, bei dem zwei Auserwählte eine Maß Bier nach Geschwindigkeit exen sollten. Der eine Bewerber konnte vor Aufregung nicht mal mehr seine Hose anbehalten und trank das Bier dann Joey-DeMaio-Style mehr mit dem Oberkörper als mit dem Mund, der andere genoss es lieber in dem Sinne, wie es gedacht ist. Beide durften sich dann den Preis, eine aufgeblasene Sexpuppe, teilen, welche fortan ihre Runden durch das Publikum drehte.

Später wurden noch einige Herren eingeladen, Whisky im Sex Gepard-Stil zu trinken, nachdem dieser durch den Schoß der Damen lief. Das war dann auch schon das Anzüglichste was bei der Show passierte - anders als bei einer heute ungleich bekannteren amerikanischen Band wurden keine entblößten Brüste gezeigt, keine derben Zoten über fleischeslüstige Aktivitäten gerissen und auch sonst ging es zwar ein wenig anzüglich, aber insgesamt harmlos zu bei weiteren Stücken wie Wildcat Rock‘N’Roll, Ride My Lovestick und Shaved But Dirty. Die Stimmung war ohnehin am Kochen und der eine oder andere Flammenwerfer heizte die Halle nochmal weiter auf. Das Tempo etwas raus nahm die Ballade Free Willy, Free Pussy, ein Lied über die freie Liebe mit dem es „zurück ins Zeitalter der geilen Hippiesäue“ ging. Zum Abschluss nach wenig über einer Stunde Spielzeit wurde der heavy metallische Countdown to Orgasm runtergezählt. Für eine Headliner-Show war der Auftritt damit ziemlich knapp gehalten, aber mit nur einer Platte gibt es schließlich nicht mehr Musik zum Spielen. Insofern war der Gig zwar kurz aber, um im Thema zu bleiben, durchaus befriedigend.

Das Ironhammer-Festival 2018 konnte dem sehr guten Start des Vorjahres noch einen draufsetzen mit einer guten Auswahl an hochklassigen regionalen und einigen internationalen Bands. Dazu der wahnsinnige Auftritt der Wiederauferstandenen Sex Gepard. Man darf gespannt sein, wie das im nächsten Jahr noch überboten werden kann.